©Süddeutsche Zeitung 2004 - Konzert am 31.3.2004 in München

Herr, lass es regnen

Betende Hände an der Gitarre: Eric Clapton verneigt sich bei seiner Deutschland-Tour vor der eigenen Vergangenheit und sowieso vor dem uralten Blues-Gott Robert Johnson

Von Karl Forster

Ob ihn jetzt der Teufel geholt, ob er sich selbst bei einer verpfuschten Voodoo-Sitzung in den Orkus gebeamt oder ob ihn ganz unprosaisch um Alter von 27 Jahren die Schwindsucht hinweggerafft hat, darüber streiten die Verehrer des Bluesmusikers Robert Johnson seit dessen Hinscheiden anno 1938. 

Doch hätte es diesen Mann aus dem Mississippi-Delta nicht gegeben, den man wegen seines infernalischen Gitarrespiels verdächtigte, einen faustischen Pakt mit einem Saiten-Mephisto geschlossen zu haben, das Repertoire manches noch lebenden Rockmusikers wäre magerer ausgefallen: Die Stones coverten Johnsons „Stop Breaking Down“ und klauten „Love In Vain“ von ihm, Captain Beefheart schnappten sich seinen „Terraplane Blues“. Und Delaney & Boney spielten ein wunderschönes „Poor Elija“ ein, womit wir schnurstracks bei Eric Clapton wären, der 1969 bei diesem sonst eher einfältigen Duo als Gitarrist wirkte und selbst später Johnsons „Crossroad Blues“ leicht bearbeitet als „Crossroads“ seinen Klassikern hinzufügte. 

Eric Clapton also brachte zu seiner aktuellen Welttournee eine CD auf den Markt mit dem Titel „Me And Mr. Johnson“ und spielte auch am 31.3.2004 in der ausverkauften Olympiahalle drei Stücke daraus. Nun stellt sich die Frage: Warum nur drei? Warum nicht alle 14 Cuts? Obwohl die CD eigentlich im besten Sinne misslungen ist. 

Doch solch ein „Tribute to“-Werk kann sich Eric Clapton, vor wenigen Tagen 59 geworden, natürlich leisten. Das und auch eine ausgewachsene Welttournee mit 57 Gigs, um sich, wie er sagt, für den Juni dieses Jahres „warm zu spielen“. Denn dann lädt Clapton von Santana bis B. B. King alle Größen des Genres zu einem dreitägigen Blues-Festival nach Dallas in Texas, wo natürlich auch Mister Slowhand fit sein möchte. 

Dass er sich zu diesen Anlässen von Fender eine rotblaugelbpinkschwarze Stratocaster bauen ließ, mag daran liegen, dass er seine alte Cream-Strat bei einer Benefizveranstaltung versteigerte. Die neue jedenfalls hat einen Klang, die sie, wollte man denn einen Vergleich finden, in den Rang einer Stradivari stellt. 

Für dieses weltweite Warm-Up rief Clapton eine fünfköpfige Band zusammen, die (größtenteils auch auf der Johnson-CD präsent) zu 80 Prozent das Prädikat Weltklasse verdient. Das hörte man dezent beim bluesfernen, dafür Beatles-nahen „Let It Rain“ und deutlicher schon beim zweiten Stück, einem zwar immer noch verhalteten, aber den Weg Robert Johnson weisenden „Hoochie Coochie Man“. 

Wobei bereits jetzt die zum Hunderter fehlenden 20 Prozent erklärt werden können: Chris Stainton am Piano war, zumindest solistisch, ein glatter Ausfall, einfallsloses Arpeggieren und harmlose Instrumentalartistik töten jeden Blues. Wie anders agiert da Billy Preston an der schwarzlackierten B-3-Hammond. Mit seinen riesigen Händen, die vielleicht zwei Oktaven greifen können, streichelt er die Tasten, lässt die Röhren-Orgel bei den kurzen Fills knurren wie einen Hund, fauchen wie einen Jaguar und kreischen, als ob er einer Katze auf den Schwanz getreten wäre (nur dass diese selten exakt die Septime trifft). 

Bei den Soli verzichtet er fast ganz auf den Hammond-typischen Percussions-Effekt, dafür entlockte die Linke am HalfmoonSwitch dem Leslie, jener genialen Verstärkererfindung mit den gegendrehenden Höchtönern, einen Sound, mit keiner Elektronik der Welt zu kopieren ist. 

Nathan East am fünfsaitigen Bass leistet, was eines Bassisten vornehmste Aufgabe ist: so zu begleiten, dass man es nur hört, wenn er nicht spielt. 

Drummer Steve Gadd, der den Stick in der Linken beim Haudrauf auf die Snare hält wie ein Kind die Schaufel im Sandkasten, brilliert durch Präzision und Zurückhaltung. Und Claptons neue Entdeckung, der 32 Jahre alte Gitarrist Doyle Bramhall II, ist ein absolut ernst zu nehmender Gegenpart für Claptons melodiöses Spiel, was nicht nur an seiner Lust am brillanten Bottleneck-Gerutsche liegt, sondern auch daran, dass er als Linkshänder die Gitarre verkehrt herum bespannt hat, also die tiefe E-Saite unten, was griff- und zupftechnisch einen speziellen Sound ergibt. 

Über fünf Songs führte der Weg zum Zentrum des Abends, zu Robert Johnson: „When You Got A Good Friend“, auf der CD die erste Nummer. Und live die erste Überraschung. Diese CD ist vom Cover über die kargen Begleittexte bis hin zu den Interviews eine Hommage an den Musiker, der, wie Eric Clapton nicht müde wird zu beteuern, ihn ein ganzes Leben lang und besonders während der in diesem Leben nicht selten drohenden Abgründe begleitet hat. 

Doch das Album ist so sehr als Reminiszenz konzipiert, dass nur ein steriles Destillat aus Johnsons Blues-Kunst entstand. Sie wirkt, als versuche sich ein großer Künstler an der Restaurierung eines alten naiven Gemäldes, mit dem Bestreben, nur ja nichts von sich selbst auf der Leinwand preiszugeben. Johnson und anderer Blueslegenden wie etwa John Lee Hooker hatten ihren Spaß daran, das Zwölf-Takte-Schema vor dem ersten Change zu durchbrechen, nur weil sie mit dem Text noch nicht fertig oder zum Mitzählen zu faul waren. 

Clapton nun notierte diese Schlampereien blitzsauber für die Band. Und es klingt wie falsch abgeschrieben. 

Wie anders wirkt dieser Blues auf der Bühne. Hier spielt Clapton eine eigene Version von Johnson, die genial ist, weil er jeden überflüssigen Ton weglässt. Und so wird „Kind Hearted Woman“ zu einem wunderbaren „Ich liebe mein Baby, aber mein Baby liebt mich nicht“-Blues, in dem die Gitarre beten, schimpfen, liebkosen und weinen darf. Der Höhepunkt des Abends, dem dann noch eine gute Stunde und elf weitere Songs folgten. Darunter als zweite Zugabe ein wildes „I Got My Mojo Working“. 

Sollte Eric Clapton versprechen, im Juni in Dallas nur Robert Johnson zu spielen, müsste man nicht lange nachforschen, was ein Ticket dorthin Seitenanfang kostet. Es wäre jeden Preis wert.

©SZ/dpa